Als wir Mika Sosna Anfang Juli in seiner neuen Wohnung besuchen, begrüßt uns der knapp zwei Meter große Diskuswerfer mit einem breiten Grinsen an der Tür. Es ist der erste Freitag im Juli, die Sonne strahlt über Hamburg und auf unserem Hinweg war am strahlendblauen Himmel keine Wolke zu entdecken.
Der TEAM HAMBURG Athlet gibt uns erstmal eine kleine Tour, zeigt die beeindruckende Sammlung an (vollen!) Wasserflaschen und kocht sich dann erstmal etwas zu essen – eine Pasta-Pfanne mit Gorgonzola-Spinat-Sauce, die Proteine dürfen schließlich nicht fehlen.
Fehlen tut bis hierhin nur eins: die Nervosität. Dafür, dass er heute für seine ersten Olympischen Spiele nominiert werden soll, ist der Leichtathlet von der TSG Bergedorf ziemlich entspannt. Im Grunde ist die Nominierung auch nur noch Formsache, Mika ist einer von nur drei Deutschen, die die Olympia-Norm geknackt haben. Bei drei Deutschen Startplätzen in Paris liegt die Entscheidung die drei Norm-Werfer mitzunehmen nah. Trotzdem: man kann nie wissen und solang es nicht offiziell ist, kann noch einiges passieren.
Vielleicht ist es Mikas Jugendhaftigkeit, die ihm solche Ruhe gibt. Schließlich hat noch vor wenigen Monaten kaum einer damit gerechnet, dass er wirklich eine Chance hat, in Paris bei den Olympischen Spielen anzutreten. Der Hamburger isst erst genüsslich seine Nudelpfanne, entspannt auf seinem Sofa, guckt sich Youtube-Videos an und spielt auf seinem Fernseher eine digitale Runde Blackjack.
Erst vor wenigen Monaten, im April 2024, konnte Mika im Wettkampf seine Ambitionen auf eine Olympia-Quali wirklich untermauern. Bei einem Wettkampf im U.S.-Bundesstaat Oklahoma warf der Hamburger seinen Diskus 68,96 Meter weit. Ein Wurf, mit dem Mika seine bisherige persönliche Bestleistung um fast vier (!) Meter verbesserte und die Olympianorm von 67,20 Meter knackte.
Daraufhin hieß es für Mika warten. Warten, ob noch weitere Deutsche einen solchen Mega-Wurf im Arm haben. Warten, ob noch weitere Konkurrenten die Norm knacken. Bis zu den deutschen Meisterschaften in Braunschweig Ende Juni musste Mika warten. Danach war klar: es wird niemand mehr die Norm knacken.
Um kurz vor Zwei Uhr vibriert Mikas Handy, durch die weichen Polster des beigen Sofas kaum wahrnehmbar. Der 21-Jährige entsperrt das Smartphone und liest nur wenige Millisekunden, bevor das Grinsen auf seinem Gesicht immer größer wird, gefolgt von einem Freudenschrei, der unsere Mikrofone übersteuern lässt. „Hallo Mika, herzlichen Glückwunsch zur Nominierung. Wir sind glücklich und stolz, dass du nun offiziell Teil von Team Deutschland bist und die deutschen Farben bei den olympischen Spielen in Paris vertrittst.“
Man sieht förmlich, wie dem Hünen in dem Moment ein Stein vom Herzen fällt. In den vergangenen Wochen hat Mika immer wieder Zurückhaltung gepredigt, sich nicht dazu hinreißen lassen, schon eine Prognose für Paris zu geben. „Immer eins nach dem anderen“, hat er gesagt.
Jetzt ist es endlich offiziell und keiner kann ihm sein Paris-Ticket mehr nehmen. Mit 21 Jahren hat Mika Sosna geschafft, was einige Athletinnen und Athleten in ihrer gesamten Karriere nicht erreichen: die Teilnahme an dem größten und bedeutsamsten Sportereignis der Welt.
Solche News müssen natürlich sofort mit der Familie geteilt werden. Kurz nach dem Empfang der Mail hatte bereits Mikas Mutter angerufen und ihren Sohn beglückwünscht, nun ruft der frisch-gekürte Olympionike seinen Großvater an, selbst leidenschaftlicher und erfolgreicher Diskuswerfer.
Nach kurzem Klingeln öffnet sich auf dem iPad die Facetime-App und Sosna Senior erscheint. Wie der Enkel ist auch der Großvater gerade am Essen. „Weißt du, wer dieses Jahr Deutschland bei den Olympischen Spielen im Diskuswurf repräsentieren wird?“, fragt Mika seinen Opa. „Ist es etwa ein Sosna?“, fragt der Großvater grinsend und fängt an zu jubeln. Auch er hat natürlich gewusst, dass die Chancen gut stehen. Die Nominierung nun schwarz auf weiß vor sich zu haben, ist trotzdem etwas anderes.
Auch wir gestatten uns nun endlich, uns für Mika zu freuen. Zu groß war die Angst, den Tag vor dem Abend zu loben. Doch jetzt können wir endlich zeigen, wie stolz wir auf das sind, was Mika erreicht hat. Schließlich ist er jetzt schon mehr als fünf Jahre in der Förderung des TEAM HAMBURG, wurde damals als 16-jähriger Nachwuchskaderathlet aufgenommen.
Mit dem Mika von damals hat der Mika von heute sportlich gesehen nicht mehr viel gemeinsam. Er hat hart an sich gearbeitet und eine beispielhafte Entwicklung hingelegt. Seine Nominierung ist auch ein Zeichen für den Sport in Hamburg. Und ein Zeichen für alle Nachwuchssportlerinnen und Nachwuchssportler: ihr könnt es schaffen.